Anmerkung / Vorwort
Dieser Brief wurde bereits vor einigen Tagen versendet, jedoch bisher nicht beantwortet.
Das ursprünglich vorgeschlagene Datum für den Social-Media-Warnstreik — der 3. Advent — ist daher voraussichtlich nicht mehr realistisch umsetzbar.
Ein neuer, umsetzbarer Zeitraum wäre Ende Dezember 2025 oder Januar 2026.
Note / Preface
This letter was sent a few days ago but has not yet received a response.
The originally proposed date for the Social Media Warning Strike — the 3rd Sunday of Advent — can therefore no longer be realistically met.
A feasible new timeframe would be late December 2025 or January 2026.
Offener Brief an den Bundespräsidenten
zum Thema Reichweite, Social Media und die Trägheit der Politik und Gesellschaft
„Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht“
(Robert Musil, Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 1)
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Frank-Walter Steinmeier,
Ihre Rede zum 9. November war gut. Sogar sehr gut.
Tief, klug, würdevoll – das volle Präsidialprogramm.
Eine Rede, die die Leute erreicht hätte –
wenn sie sie erreicht hätte.
Aber genau das ist heute das Problem: Unsere Demokratie scheitert nicht an der Qualität der Worte, sondern an deren Aufenthaltsort. Wir tun immer noch so, als lebten wir in einer Medienlandschaft, in der ARD, ZDF sowie die großen privaten Fernsehsender und Tageszeitungen den Pulsschlag der Nation bestimmten. In Wahrheit erreichen sie vor allem jene, die ohnehin längst wissen, was ein Grundgesetz ist. Die anderen werden währenddessen von TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts erzogen – von Chefredakteuren namens Algorithmus, Algorithmus und Algorithmus.
Wer also politisch umworben werden müsste, sitzt nicht vor dem Fernseher oder vor einer langen Youtube-Version – sondern schaut TikTok, scrollt durch fünf Sekunden Ironie, Verschwörung und Tanzchallenges und bekommt dort die politische Welt erklärt. In Ausschnitten. In Memes. In Halbsätzen, die im Zweifel alles bedeuten, nur nicht das, was der Bundespräsident sagen wollte.
Während die Politik versucht, Jugendliche über den gepflegten ARD-Umweg zu erreichen, sind diese längst drei Memes, zwei Ironien und eine Verschwörung weiter. Die Öffentlich-Rechtlichen Sender haben zwar mittlerweile auchb ein breites Online-Angebot in guter Qualität, aber meist zu lang und kompliziert für Straßenbahn, Mittagspause etc.
Herr Steinmeier, Sie sprechen also in einer Oper, während große Teile der Republik schon lange im Club tanzen. Mit Ohrstöpseln, versteht sich.
Und erste Auswirkungen sah man bei der letzten Bundestagswahl bei jungen oder Erst-Wählern. Bei diesen Nutzern geht es nicht mehr darum, was die Regierung wirklich tut, sondern darum, wie dies in Ihren Kanälen dargestellt wird. Und in diesen „Leitmedien“ haben andere das Sagen, auch aus dem Ausland.
Hier beginnt das Versäumnis – nicht nur der Politik, sondern der Gesellschaft selbst.
Ein Land, das jahrzehntelang stolz auf seine intellektuelle Kultur, seinen kritischen Geist und seine Diskussionsfreude war, hat sich von einem Daumenwisch abhängig gemacht. Von Maschinen, die längst gelernt haben, wie man unser Denken abkürzt – und unsere Gefühle verlängert.
Natürlich schreiben die großen Zeitungen kluge Analysen über all das.
Natürlich warnen Experten seit Jahren.
Doch es geschieht – nichts.
Keiner hält inne.
Keiner unterbricht die Routine.
Alle wissen, dass uns da etwas entgleitet – und alle scrollen weiter.
Social Media und Kommunikations-Apps sind schon lange keine Spielerei mehr, sondern kritische Infrastruktur:
Die Deutsche Post kommuniziert über WhatsApp. Das Arbeitsamt kommuniziert über WhatsApp. Handwerker organisieren sich über WhatsApp. Und damit liegt ein erheblicher Teil des Informationsverkehrs eines Industrielandes auf Servern, die nicht in Deutschland stehen und Regeln folgen, deren Logik nicht ausgleichend und unverzerrt ist, sondern gewinnoptimiert, manipulationsfreundlich und immer öfter KI-generiert.
Die Wahrheit ist unbequem:
Wir machen alle mit.
Viele vielleicht bedacht, aber ebenso viele und immer mehr ohne Bedenken. Und hoffen still, dass irgendjemand die Demokratie rettet, idealerweise ohne uns dabei zu bemühen.
Wir müssen etwas tun. Lassen Sie uns heute im Kleinen anfangen, Herr Bundespräsident.
Lassen Sie uns gemeinsam den ersten Social-Media-Warnstreik der Welt organisieren. Sie als Schirmherr, ich als Initiator, der einen Aktionsplan macht und umsetzt. Das ist gar nicht so aufwendig, eher wie ein Flashmop, nur statt örtlichem, spontanen Massenauflauf bundesweite Stille.
Ein bewusstes Innehalten. Einen Tag, an dem die Bevölkerung einmal nicht als freie Mitarbeiter der Social-Media-Konzerne deren Produkt gestaltet, sondern Veränderung fordert. Wie in der Wirtschaft – zuerst kommt der Warnstreik. Ein garantiertes Recht.
Der
3. Advent wäre doch gut dafür. Dieser
14. Dezember
wäre dann: Online-Feierabend. Für uns alle. Für 24 Stunden.
Alleine kann ich das nicht stemmen. Ich bin ein normaler Bürger, nicht prominent und schon gar kein Influencer mit Reichweite. Ich brauche zumindest Ihre
Schirmherrschaft – damit Prominente mitziehen, Multiplikatoren aufspringen.
Sie sind ein Mann der Rede. So könnten Sie direkt etwas bewirken. Ein Tag, an dem wir sagen:
„Heute nicht.“ Nicht Musk, nicht Zuckerberg, nicht Bytedance bestimmen heute unser Denken. Kein WhatsApp. Kein TikTok. Kein Instagram. Kein Telegram. Kein X.
Ein solcher Tag wäre mehr als ein Symbol.
Er wäre ein Selbsttest:
Können wir uns der Mechanik entziehen, die uns täglich hypnotisiert?
Oder sind wir längst nur noch Beifahrer im eigenen Kopf?
Die Demokratie wird nicht nur von außen bedroht.
Sie wird von innen unterlassen: durch Trägheit, durch Scheu vor Konflikt, durch Rückzug aus Frustration vor der Politik.
Deutschland hat das Denken aber nicht verlernt – es hat nur aufgehört, sich Zeit dafür zu nehmen.
Vielleicht ist es genau die Aufgabe eines Bundespräsidenten, uns daran zu erinnern, dass Demokratie eine Haltung ist.
Und manchmal Mut bedeutet.
Vor allem den Mut, für einen Tag offline zu sein.
Herr Steinmeier, würden Sie die Schirmherrschaft für den ersten deutschen Social-Media-Warnstreik übernehmen?
Beste Grüße nach Berlin,
Koy Bendull,
Konzeptkünstler und Kunst-Mitmach-Organisator
PS:
Natürlich, ein Social-Media-Streik löst die strukturellen Probleme nicht.
Dafür reicht der Bundespräsident allein nicht. Wir brauchen eine
konzertierte Aktion. Nur eine gemeinsame, politisch flankierte und wirtschaftlich verantwortete Anstrengung kann die Abhängigkeit von immer größer werdenden Teilender der deutschen Gesellschaft brechen. Der Bundespräsident kann das Bewusstsein schaffen. Die Regierung kann die Rahmenbedingungen setzen. Die Unternehmen können aufhören, Spaltung mitzufinanzieren und stattdessen beginnen, Alternativen zu fördern.
Eine Demokratie, die ihre eigene kommunikative Infrastruktur nicht besitzt, besitzt auf Dauer ihre Öffentlichkeit nicht mehr. Und eine Gesellschaft, die zulässt, dass ihre Jugend durch hochoptimierte, suchtverstärkende Systeme abhängig gemacht wird, handelt fahrlässig – politisch wie wirtschaftlich.
Und diese Punkte könnten schnell umgesetzt werden (nichts von dem, was ich hier aufliste, ist neu):
- Identitätsverifikation
Seit Jahren steht fest, dass eine einfache Ausweisprüfung auf großen Plattformen Trollfabriken und Botarmeen massiv bremsen würde.
Kein Überwachungsstaat, nur die schlichte Frage: „Bist du das wirklich, Anja37_Real?“
Der Effekt wäre sofort spürbar: weniger Fakes, weniger künstliche Empörung, weniger Lärm pro Klick. - Die Werbebranche
Werbegelder halten jene Systeme am Leben, die Jugendliche in digitale Spielsucht treiben.
Und dennoch tun viele Unternehmen so, als würden ihre Anzeigen dort zufällig landen.
Man könnte ihnen sagen: Moral ist wie Ökostrom – man kann sie buchen. - Eigene Infrastruktur – seit Jahren gedacht, nie gebaut.
Deutschland braucht eigene digitale Infrastruktur – und zwar konkrete, greifbare, nationale Projekte. Große Dinge haben kleine Anfänge. Auch Tiktok gab es vor kurzem noch nicht. Kein nostalgisches „deutsches Facebook“, sondern ein gemeinwohlorientiertes Kommunikationsnetz, das Transparenz, Datenschutz und demokratische Regeln garantiert. Die Alternativen existieren bereits: Open-Source-Messenger wie Signal, offene Netzwerkstandards, föderierte Plattformen. Sie müssen nicht erfunden, sondern implementiert und skaliert werden. - Europa – die institutionalisierte Geduldsprobe.
Europäische Regulierung ist wichtig, aber in Digitalfragen so langsam, dass der Algorithmus oft schon zwei Evolutionsstufen weiter ist, wenn die EU den ersten Entwurf fertig hat.
Während Brüssel verhandelt, schreibt die Realität weiter Code. Der Digital Services Act ist gut aber noch wirkungslos, weil Gerichtsverfahren und endgültige Entscheidungen gegen die Konzerne ewig dauern. - Geld – reichlich vorhanden, aber strategisch falsch gebunden.
Milliarden fließen in Straßen, die danach kaum anders aussehen als vorher. Natürlich müssen Brücken sicher sein – niemand fordert, dass der Beton bröckeln darf. Aber ob eine Fahrbahn nun optimal glatt ist oder die optimale Breite hat, wird die Zukunft der Republik in den nächsten Jahren nicht entscheiden. Die geistige Unversehrtheit des Volkes hingegen sehr wohl. Und die hängt heute nicht davon ab, wie sanft ein Auto über Asphalt rollt, sondern davon, ob die kommunikative Grundversorgung eines Landes souverän ist.
Liebes Verkehrsministerium. Seid ihr wirklich so verschlafen und unprogessiv oder seid ihr fest in Lobbyismus-Händen?
Eine Demokratie, die ihre Öffentlichkeit und Infrastruktur im Ausland hostet, darf sich nicht wundern, wenn sie irgendwann nur noch Gast im eigenen Diskurs ist.
Am Ende geht es nicht um neue Erkenntnisse, sondern um den Mut, alte Erkenntnisse endlich ernst zu nehmen.
Kompliziert ist das alles nicht.
Es ist nur – wie so vieles in Deutschland –
ungefährlich bekannt und gefährlich folgenlos.
Open Letter to the Federal President
on the topics of reach, social media, and the inertia of politics and society
“Out of which, remarkably, nothing follows.”
(Robert Musil, The Man Without Qualities, Chapter 1)
Dear Mr. Federal President, dear Frank-Walter Steinmeier,
Your speech on November 9 was good. Very good, even.
Profound, thoughtful, dignified — the full presidential repertoire.
A speech that would have reached people — if it had reached them.
But that is precisely the problem today: our democracy does not fail because of the quality of its words, but because of where those words end up. We continue to act as if we lived in a media landscape where ARD, ZDF, and the major private broadcasters and newspapers set the pulse of the nation. In reality, they mostly reach those who already know what a constitution is. Meanwhile, the others are being educated by TikTok, Instagram Reels, and YouTube Shorts — by editors-in-chief named Algorithm, Algorithm, and Algorithm.
Those who politically need to be addressed are not sitting in front of TV broadcasts or long-form YouTube videos — they are watching TikTok, scrolling through five seconds of irony, conspiracy, and dance challenges, and getting the political world explained there. In fragments. In memes. In half-sentences that may mean anything — except what the Federal President intended to say.
While politics tries to reach young people via the well-groomed ARD detour, they themselves are already three memes, two ironies, and one conspiracy further. Public broadcasters now have a broad range of online offerings in good quality — but usually far too long and too complex for tram rides and lunch breaks.
Mr. Steinmeier, you are speaking in an opera, while large parts of the country have long been dancing in a club. With earplugs, of course.
And the first consequences were evident in the last federal election among young and first-time voters. For these users, it’s no longer about what the government actually does, but how it appears in their channels. And in these “leading media,” others are in control — including actors from abroad.
This is where the omission begins — not only on the part of politics, but of society itself.
A country that once prided itself on its intellectual culture, critical spirit, and love of debate has become dependent on a thumb-swipe. On machines that have long learned how to shorten our thinking — and lengthen our emotions.
Of course, major newspapers publish smart analyses about all of this.
Of course, experts have been warning for years.
Yet nothing happens.
No one pauses.
No one disrupts the routine.
Everyone knows something is slipping away from us — and everyone keeps scrolling.
Social media and communication apps stopped being trivial long ago. They have become critical infrastructure:
The German Post communicates via WhatsApp. The employment agency communicates via WhatsApp. Craftspeople organize themselves via WhatsApp. And thus a substantial portion of the communication of an industrial nation rests on servers not located in Germany, following rules designed not for fairness and neutrality, but for profit maximization, manipulation, and increasingly AI-generated engagement.
The truth is uncomfortable:
We all participate.
Some carefully, but many — and increasingly more — without a second thought.
And we quietly hope someone else will save democracy, ideally without inconveniencing us.
We have to do something. Let us start small today, Mr. Federal President.
Let us jointly organize the world’s first social media warning strike. You as patron, me as initiator, crafting and executing the action plan. It’s not even much work — more like a flash mob, except that instead of a spontaneous mass gathering in one place, it’s nationwide silence.
A deliberate pause.
A day when the population stops acting as unpaid content suppliers for social media corporations and instead demands change.
Like in the economy — first comes the warning strike. A guaranteed right.
The 3rd Advent would be perfect.
This December 14 would then be: Digital closing time. For all of us. For 24 hours.
I cannot pull this off alone. I am an ordinary citizen, not famous and certainly not an influencer with reach. I need at least your patronage — so that public figures join in, multipliers get on board.
You are a man of words. With this, you could directly make something happen.
A day on which we say:
“Not today.”
Not Musk, not Zuckerberg, not Bytedance will shape our thinking today.
No WhatsApp. No TikTok. No Instagram. No Telegram. No X.
Such a day would be more than a symbol.
It would be a self-test:
Are we able to escape the mechanics that hypnotize us daily?
Or are we already just passengers in our own minds?
Democracy is not only threatened from the outside.
It is neglected from within: through inertia, fear of conflict, and withdrawal from political frustration.
Germany has not forgotten how to think — it has simply stopped making time for it.
Perhaps it is precisely the task of a Federal President to remind us that democracy is an attitude.
And sometimes requires courage.
Above all, the courage to be offline for a day.
Mr. Steinmeier, would you take on the patronage for the first German social media warning strike?
Best regards to Berlin,
Koy Bendull,
Concept artist and participatory art organizer
PS:
Of course, a social media strike will not solve the structural problems.
The Federal President alone cannot achieve that. We need a coordinated effort. Only a joint initiative — politically supported and economically responsible — can break the dependence gripping ever larger parts of German society.
The Federal President can raise awareness.
The government can set the framework.
Businesses can stop helping to finance division and instead begin supporting alternatives.
A democracy that does not own its communicative infrastructure will, in the long run, lose its public sphere.
And a society that allows its youth to be made dependent by highly optimized, addiction-reinforcing systems is acting negligently — both politically and economically.
And these points could be implemented quickly (none of what I list here is new):
Identity verification
For years it has been clear that simple ID verification on major platforms would significantly curb troll farms and bot armies.
Not a surveillance state — just the simple question: “Is that really you, Anja37_Real?”
The effect would be immediate: fewer fakes, less artificial outrage, less noise per click.
The advertising industry
Advertising money keeps alive the systems that push young people toward digital addiction.
And yet many companies pretend their ads end up there by accident.
They could be told: morality is like green energy — you can choose to purchase it.
Own infrastructure — long envisioned, never built.
Germany needs its own digital infrastructure — real, concrete, national projects. Big things have small beginnings. TikTok didn’t exist all that long ago. Not a nostalgic “German Facebook,” but a public-interest communication network that guarantees transparency, data protection, and democratic rules. The alternatives already exist: open-source messengers like Signal, open network standards, federated platforms. They do not need to be invented, merely implemented and scaled.
Europe — the institutionalized patience test.
European regulation is important, but in digital matters so slow that the algorithm has often evolved twice by the time the EU drafts its first proposal.
While Brussels negotiates, reality keeps writing code. The Digital Services Act is good but still ineffective, because legal cases and final decisions against the corporations take ages.
Money — plentiful, but poorly allocated.
Billions flow into roads that look almost the same afterward as before. Of course bridges must be safe — no one suggests otherwise. But whether a roadway is optimally smooth or optimally wide will not define the future of the Republic in the coming years. The intellectual integrity of the population, however, will. And today it depends not on how gently a car rolls over asphalt, but on whether a nation’s communicative basic infrastructure is sovereign.
Dear Ministry of Transport: are you really this asleep and unprogressive, or simply firmly in the hands of lobbyists?
A democracy that hosts its public sphere and infrastructure abroad should not be surprised if one day it becomes only a guest in its own discourse.
In the end, this is not about new insights, but about the courage to finally take old insights seriously.
None of this is complicated.
It is only — like so much in Germany — harmlessly well known and dangerously without consequences.
